Lieferkette & ESG-Daten: Scope 3 von Lieferanten erfassen

20. März 202611 Min. LesedauerVerfasst von Dr. Stefan Bauer

Scope-3-Emissionen machen bei den meisten Unternehmen 70 bis 90 Prozent des gesamten CO2-Fußabdrucks aus, und der größte Teil davon entsteht in der Lieferkette. Gleichzeitig sind genau diese Daten am schwierigsten zu erfassen: Sie liegen bei Dritten, sind oft nicht standardisiert und erfordern aktives Engagement mit Lieferanten. Dieser Artikel zeigt, wie Unternehmen den Einstieg in systematisches Lieferketten-ESG-Datenmanagement schaffen.

Lieferkette & ESG-Daten: Scope 3 von Lieferanten erfassen

Warum Lieferkettendaten so wichtig sind

Der Druck auf Unternehmen, ihre Lieferkette nachhaltig zu gestalten und transparent zu berichten, kommt von mehreren Seiten gleichzeitig. Regulatorisch verpflichten CSRD und das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) zur systematischen Auseinandersetzung mit Zulieferern. Investoren und Ratingagenturen fragen ESG-Daten entlang der gesamten Wertschöpfungskette ab. Und Endkunden, insbesondere im B2B-Bereich, integrieren ESG-Kriterien zunehmend in ihre Lieferantenbewertungen.

Das GHG Protocol definiert Scope-3-Emissionen als alle indirekten Emissionen, die nicht unter Scope 1 (direkte Emissionen) oder Scope 2 (Energie) fallen. Sie entstehen vor- und nachgelagert entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Studien zeigen, dass Scope 3 bei produzierenden Unternehmen typischerweise 70 bis 90 Prozent der gesamten Treibhausgasbilanz ausmacht, ein Potenzial, das ohne Lieferkettendaten schlicht unsichtbar bleibt.

Wer heute beginnt, Lieferanten-ESG-Daten systematisch zu erfassen, baut einen Datenschatz auf, der morgen entscheidend sein wird, für Compliance, für Investorengespräche und für die eigene Dekarbonisierungsstrategie.

Scope 3 in der Lieferkette: Kategorien 1 und 2

Das GHG Protocol unterteilt Scope 3 in 15 Kategorien. Für die vorgelagerte Lieferkette sind vor allem zwei zentral:

Kategorie 1: Eingekaufte Waren und Dienstleistungen: Dies ist für die meisten Unternehmen die größte einzelne Scope-3-Kategorie. Erfasst werden die Treibhausgasemissionen, die bei der Herstellung aller eingekauften Produkte und Dienstleistungen entstehen. Die Herausforderung: Diese Daten liegen vollständig bei den Lieferanten und müssen aktiv erhoben oder aus Datenbanken geschätzt werden.

Kategorie 2: Investitionsgüter: Emissionen aus dem Kauf von Maschinen, Anlagen, Gebäuden und Fahrzeugen, die aktiviert und über ihre Lebensdauer genutzt werden.

Zusätzlich relevant ist Kategorie 4 (vorgelagerter Transport und Distribution), die oft unterschätzt wird. Unternehmen mit komplexen internationalen Lieferketten sollten auch Kategorie 3 (Brennstoff- und energiebezogene Aktivitäten) und Kategorie 5 (in der Berichtsperiode erzeugte Abfälle) nicht vernachlässigen.

Die methodische Grundlage für die Berechnung bildet das GHG Protocol Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting and Reporting Standard, ergänzt durch die PCAF-Methodik für Finanzinstitute.

LkSG: Sorgfaltspflichten in der Lieferkette

Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) ist seit Januar 2023 für Unternehmen ab 3.000 Mitarbeitenden in Kraft, seit Januar 2024 auch für Unternehmen ab 1.000 Mitarbeitenden. Es verpflichtet zu einer risikobasierten Analyse der eigenen Lieferkette auf menschenrechtliche und umweltbezogene Sorgfaltspflichten.

Konkret müssen betroffene Unternehmen: eine Risikoanalyse der unmittelbaren Zulieferer durchführen, bei erkannten Risiken Präventions- und Abhilfemaßnahmen ergreifen, eine Beschwerdestelle einrichten und jährlich berichten. Das LkSG hat direkte Auswirkungen auf österreichische und Schweizer Unternehmen, die in deutschen Lieferketten eingebunden sind oder selbst Tochtergesellschaften in Deutschland betreiben.

Parallel dazu arbeitet die EU an der Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD), die ähnliche Anforderungen auf EU-Ebene verbindlich macht. Nach dem Omnibus-Paket 2025 wird die CSDDD ebenfalls überarbeitet, Unternehmen sollten beide Entwicklungen im Blick behalten.

Für die Praxis bedeutet das: ESG-Datenerhebung und Human-Rights-Due-Diligence wachsen zusammen. Wer beide Anforderungen integriert angeht, spart erheblichen Aufwand.

Datenbeschaffung: Methoden im Vergleich

Es gibt grundsätzlich drei Methoden, Scope-3-Daten aus der Lieferkette zu beschaffen, jede mit eigenen Stärken und Grenzen:

Methode 1: Spend-basierte Schätzung: Auf Basis der Einkaufsausgaben werden mit Hilfe von Emissionsfaktoren (z. B. aus der Datenbank Ecoinvent oder dem EXIOBASE-Modell) Emissionen geschätzt. Vorteil: schnell, keine Lieferantenbeteiligung nötig. Nachteil: geringe Genauigkeit, keine Lieferantendifferenzierung.

Methode 2: Aktivitätsbasierte Berechnung: Lieferanten stellen konkrete Aktivitätsdaten bereit (z. B. kg Stahl pro Einheit, kWh Strom, Transportkilometer), die mit passenden Emissionsfaktoren multipliziert werden. Vorteil: deutlich genauer als Spend-Methode. Nachteil: aufwändig, Lieferantenbeteiligung erforderlich.

Methode 3: Primärdaten vom Lieferanten: Der Lieferant stellt seinen eigenen verifizierten Product Carbon Footprint (PCF) bereit, idealerweise nach ISO 14067. Dies ist die präziseste Methode und entspricht dem Goldstandard für CSRD und Scope-3-Reporting. Nachteil: setzt voraus, dass der Lieferant selbst eine PCF-Berechnung durchgeführt hat.

In der Praxis empfiehlt sich ein gestuftes Vorgehen: Spend-Methode für alle Lieferanten als Baseline, aktivitätsbasierte Berechnung für die 20 Prozent der Lieferanten, die 80 Prozent der Emissionen ausmachen, und PCF-Primärdaten für strategische Schlüssellieferanten.

Supplier Engagement: Lieferanten aktivieren

Der schwierigste Teil der Scope-3-Erfassung ist nicht die Methodik, sondern die Menschen: Lieferanten müssen bereit und in der Lage sein, ESG-Daten zu liefern. Das erfordert aktives Engagement, und das zahlt sich aus.

Erfolgreiches Supplier Engagement beginnt mit Transparenz: Erklären Sie Ihren Lieferanten, warum Sie die Daten brauchen, welche Regulatorik dahintersteckt und wie die Daten verwendet werden. Viele Lieferanten, insbesondere KMU, sind mit ESG-Anforderungen überfordert, hier hilft aktive Unterstützung mehr als Druck.

Bewährte Instrumente sind: standardisierte Fragebögen (z. B. auf Basis des CDP Supply Chain Programms oder des Science Based Targets Supply Chain Engagement Guide), Lieferantenworkshops und Webinare zur ESG-Datenmessung, gemeinsame Pilotprojekte mit ausgewählten Schlüssellieferanten sowie klare vertragliche Anforderungen für neue Lieferantenverträge.

Langfristig sollte Supplier Engagement Teil einer integrierten Lieferantenstrategie sein: ESG-Performance wird Bestandteil des Lieferantenbewertungssystems, positive Entwicklungen werden durch bevorzugte Geschäftsbeziehungen honoriert. Dieser Ansatz schafft echte Anreize statt bürokratischer Compliance.

Digitale Tools & Plattformen

Der Markt für Lieferketten-ESG-Plattformen ist in den letzten Jahren stark gewachsen. Folgende Kategorien und Lösungen sind besonders relevant:

Spend-Analytics-Plattformen (z. B. Spend HQ, Syrius) ermöglichen eine schnelle Spend-basierte Scope-3-Schätzung auf Basis bestehender ERP-Daten. Sie sind ein guter Einstieg, ersetzen aber keine lieferantenspezifischen Daten.

Lieferantenmanagement-Plattformen (z. B. EcoVadis, Sedex, IntegrityNext) kombinieren ESG-Fragebögen, Risikobewertungen und Audit-Workflows. Sie adressieren sowohl die Datenanforderungen der CSRD als auch die Due-Diligence-Anforderungen des LkSG.

Spezialisierte Scope-3-Tools (z. B. Persefoni, Watershed, Planetly) bieten tiefere Analysefunktionen für Treibhausgasbilanzen und unterstützen die automatisierte Datenerfassung aus ERP- und Buchhaltungssystemen.

Für die meisten österreichischen Mittelständler empfiehlt sich ein pragmatischer Ansatz: Start mit einem strukturierten Excel-basierten Prozess und Schritt-für-Schritt-Migration in eine Softwarelösung, sobald Volumen und Komplexität es rechtfertigen. Sustainista unterstützt bei der Tool-Auswahl und -Implementation.

Datenqualität & Validierung

Lieferketten-ESG-Daten sind nur so wertvoll wie ihre Qualität. Schlechte Datenbasis führt zu falschen Entscheidungen, Greenwashing-Risiken und Schwierigkeiten bei der Prüfung durch Wirtschaftsprüfer.

Folgende Qualitätsdimensionen sind zentral: Vollständigkeit (werden alle wesentlichen Lieferanten erfasst?), Genauigkeit (stimmen die verwendeten Emissionsfaktoren mit der tatsächlichen Technologie und Geographie überein?), Konsistenz (werden Methoden über Jahre hinweg einheitlich angewendet?), Aktualität (sind die Daten aus dem Berichtsjahr oder veraltet?) und Prüfbarkeit (sind Quellen und Berechnungsschritte dokumentiert?).

Praktische Validierungsschritte: Plausibilitätsprüfung der Lieferantendaten gegen Branchenbenchmarks, stichprobenartige Verifikation bei Schlüssellieferanten, interne Qualitätssicherungsprozesse vor der Weitergabe an Berichtstools sowie, für CSRD-berichtspflichtige Unternehmen, die externe Prüfung durch einen Wirtschaftsprüfer mit Nachhaltigkeitsexpertise.

Die EFRAG hat im Rahmen der ESRS Guidance-Dokumente zu Datenqualität und Schätzverfahren veröffentlicht, die als Referenz genutzt werden sollten.

Fazit & Handlungsempfehlungen

Lieferketten-ESG-Daten sind kein Nice-to-have, sondern werden zum regulatorischen und geschäftlichen Standard. Unternehmen, die heute investieren, bauen einen Wissens- und Datenvorsprung auf, der in den kommenden Jahren immer wertvoller wird.

Die wichtigsten Handlungsempfehlungen: Starten Sie mit einer Spend-Analyse als Baseline, priorisieren Sie die Top-20-Prozent-Lieferanten nach Emissionsrelevanz, entwickeln Sie ein strukturiertes Supplier-Engagement-Programm und wählen Sie Tools, die mit Ihrem Reifegrad mitwachsen können. Und: Behandeln Sie Ihre Lieferanten als Partner, nicht als Datenprovider, das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem bürokratischen Reporting-Prozess und einer echten Lieferkettenpartnerschaft für mehr Nachhaltigkeit.

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Häufige Fragen zu ESG-Daten & Reporting