Scope 3: Warum ihn alle übersehen — und wie KMU ihn vollständig erfassen
EY Österreich hat Scope 3 erst im Geschäftsjahr 2024/25 vollständig erfasst. BDO Austria ebenfalls. Wenn Wirtschaftsprüfer so lange brauchen — was bedeutet das für KMU? Und wie lässt sich das mit KI lösen?

Inhaltsverzeichnis
Was ist Scope 3?
Das GHG Protocol unterscheidet drei Emissionsscopes. Scope 1 sind direkte Emissionen aus eigenen Quellen — Heizung, Fuhrpark, Produktion. Scope 2 sind Emissionen aus eingekauftem Strom und Fernwärme. Scope 3 ist alles andere: Emissionen, die entlang der gesamten Wertschöpfungskette entstehen, ohne dass das Unternehmen sie direkt verursacht.
Das klingt abstrakt, ist aber konkret: Wenn ein Unternehmen 500.000 € Stahlteile einkauft, entstehen bei der Stahlproduktion CO₂-Emissionen. Diese sind Scope 3, Kategorie 1 (eingekaufte Waren und Dienstleistungen). Wenn Mitarbeitende mit dem Flugzeug zu Kunden reisen, sind das Scope-3-Emissionen (Kategorie 6, Dienstreisen). Wenn Produkte per LKW ausgeliefert werden: Scope 3 (Kategorie 9, Downstream-Transport).
Warum ist Scope 3 so schwer zu erfassen?
Scope 3 ist aus einem einfachen Grund schwierig: Die Daten liegen nicht im eigenen Unternehmen. Man braucht Emissionsdaten von Zulieferern, Logistikpartnern, Kunden. Und die haben diese Daten oft selbst nicht.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein österreichisches Pharmaunternehmen will Scope 3 erfassen. Kategorie 1 (eingekaufte Waren und Dienstleistungen) bedeutet: von jedem Zulieferer die CO₂-Emissionen der gelieferten Produkte abfragen. Bei 200 Zulieferern ein manueller Albtraum. Viele Unternehmen greifen deshalb auf Durchschnittswerte zurück — sogenannte spend-based oder activity-based Estimates. Diese sind ungenau, aber besser als nichts. Das GHG Protocol akzeptiert beide Ansätze, solange Methode und Emissionsfaktoren transparent dokumentiert sind.
Besonders häufig untererfasst werden bei österreichischen KMU drei Kategorien: Kategorie 1 (eingekaufte Waren) bei Produktionsbetrieben, Kategorie 11 (Nutzung verkaufter Produkte) bei Herstellern von Energieverbrauchsprodukten, und Kategorie 12 (Entsorgung verkaufter Produkte) bei allen, die physische Güter verkaufen. Zusammen können diese drei Kategorien 60 bis 80 Prozent des gesamten Scope-3-Fußabdrucks eines Produktionsunternehmens ausmachen.
Die gute Nachricht: Für die häufigsten Scope-3-Kategorien gibt es Emissionsfaktoren. Das Umweltbundesamt Österreich veröffentlicht jährlich aktualisierte Faktoren — für Strom (0,152 kg CO₂e/kWh, Datenbasis 2023), Erdgas (2,58 kg CO₂e/m³), Diesel und viele weitere. Diese Faktoren ermöglichen eine belastbare Schätzung ohne Zuliefererdaten, die methodisch transparent und prüffähig bleibt.
Was österreichische Unternehmen tun — und was fehlt
EY Österreich hat im Nachhaltigkeitsbericht 2024/25 erstmals alle wesentlichen Scope-3-Kategorien (3.1 bis 3.7) vollständig erfasst. Das Ergebnis: 765 tCO₂e aus Dienstreisen allein (Kategorie 3.6). Das Ziel ist eine Reduktion um 50% gegenüber 2019. BDO Austria weist 362 tCO₂e in Scope 3 aus — bei einem deutlich kleineren Fuhrpark und weniger Reisen. Beide Zahlen zeigen: Selbst für Dienstleistungsunternehmen mit geringen Scope-1- und Scope-2-Emissionen ist Scope 3 der klar dominierende Emissionsblock.
Das Muster ist typisch für Dienstleister: Scope 3 macht 70 bis 90 Prozent der Gesamtemissionen aus, Scope 1 und 2 sind vergleichsweise klein. Für produzierende Unternehmen ist die Situation ähnlich ausgeprägt, aber die Hotspots liegen woanders: eingekaufte Rohstoffe und Vorprodukte (Kategorie 1) sowie die Nutzungsphase verkaufter Produkte (Kategorie 11) treiben die Bilanz. OMV, Verbund und Erste Bank verlangen seit 2025 strukturierte Scope-3-Daten von ihren Zulieferern und Finanzierungspartnern — wer diese nicht liefern kann, riskiert seinen Platz in der Lieferkette.
Das Wichtigste: Viele österreichische Unternehmen haben Scope 3 bis 2024 gar nicht oder nur teilweise erfasst. Für die CSRD-Berichtspflicht — ab 2026 für börsennotierte KMU, indirekt aber sofort durch Lieferkettenanfragen großer Abnehmer — ist eine vollständige, methodisch saubere Scope-3-Bilanz keine Option mehr, sondern Voraussetzung.
Die 15 Scope-3-Kategorien — ein Überblick
Das GHG Protocol definiert 15 Scope-3-Kategorien, aufgeteilt in Upstream (vor dem eigenen Betrieb) und Downstream (nach dem eigenen Betrieb).
Upstream (Kategorien 1–8): - Kat. 1: Eingekaufte Waren und Dienstleistungen (oft größte Kategorie) - Kat. 2: Kapitalgüter (Maschinen, Gebäude) - Kat. 3: Energie- und brennstoffbezogene Aktivitäten - Kat. 4: Upstream-Transport und -Vertrieb - Kat. 5: Betriebsabfälle - Kat. 6: Dienstreisen (Flug, Bahn, Mietwagen) - Kat. 7: Pendelwege der Mitarbeitenden - Kat. 8: Upstream-geleaste Vermögenswerte
Downstream (Kategorien 9–15): - Kat. 9: Downstream-Transport und -Vertrieb - Kat. 10: Verarbeitung verkaufter Produkte - Kat. 11: Nutzung verkaufter Produkte - Kat. 12: Entsorgung verkaufter Produkte - Kat. 13: Downstream-geleaste Vermögenswerte - Kat. 14: Franchises - Kat. 15: Investitionen
Für die meisten KMU sind Kategorien 1, 4, 6 und 7 am relevantesten.
KI-Lösung: Scope 3 ohne manuellen Aufwand
Sustainista setzt KI ein, um Scope-3-Emissionen aus bestehenden Unternehmensdaten zu extrahieren — ohne manuelle Lieferantenfragebögen. Das funktioniert so:
1. Datenzugang: Rechnungen, ERP-Daten, Reisekostenabrechnungen, Fuhrpark-Reports — die meisten Unternehmen haben diese Daten bereits digital vorliegen, verteilt auf Buchhaltungssystem, E-Mail-Postfächer und PDF-Ablage.
2. OCR und Extraktion: KI liest Lieferantenrechnungen und PDF-Lieferscheine automatisch aus und extrahiert Menge, Materialart und Lieferantenland. Für Kategorie 1 (eingekaufte Waren) ersetzt das den manuellen Lieferantenfragebogen für den Großteil der Positionen.
3. Klassifikation: KI ordnet automatisch zu, welche Ausgaben welcher Scope-3-Kategorie gehören. Ein Flug nach Frankfurt? Kategorie 6. Eine Stahllieferung aus der Slowakei? Kategorie 1, mit länderspezifischem Emissionsfaktor für die Stahlproduktion.
4. Emissionsberechnung: Anwendung der offiziellen UBA-Emissionsfaktoren (AT) sowie internationaler Datenbanken (ecoinvent, DEFRA UK, EXIOBASE) je nach Kategorie und Datenverfügbarkeit.
5. Report: ESRS-konformer Bericht nach GHG Protocol Scope 3 Standard, prüffähig dokumentiert mit Quellenangaben, Methodik und Unsicherheitsangaben.
Das Ergebnis: Was manuell 3 bis 6 Monate dauert, ist mit KI-Unterstützung in 4 bis 6 Wochen machbar. Der Folgebericht im nächsten Jahr kostet einen Bruchteil davon, weil das Datensystem bereits steht.
Erste Schritte für KMU
Sie müssen nicht alle 15 Kategorien auf einmal erfassen. Die CSRD schreibt eine Wesentlichkeitsanalyse (Double Materiality Assessment) vor — diese bestimmt, welche Scope-3-Kategorien für Ihr Unternehmen wesentlich sind und damit berichtet werden müssen. Starten Sie pragmatisch:
Schritt 1 — Wesentlichkeitsanalyse: Welche Kategorien sind für Ihr Unternehmen relevant? Für ein Handelsunternehmen ist Kategorie 1 (eingekaufte Waren) kritisch — sie macht oft 60 bis 80 Prozent des gesamten Fußabdrucks aus. Für ein Beratungsunternehmen dominiert Kategorie 6 (Dienstreisen), wie EY Österreichs 765 tCO₂e aus Flugreisen zeigen. Die Wesentlichkeit bestimmt nicht der Berater, sondern das Unternehmen selbst — auf Basis einer strukturierten Analyse finanzieller und ökologischer Auswirkungen.
Schritt 2 — Datenverfügbarkeit prüfen: Welche Daten haben Sie bereits? Reisekostenabrechnungen und Kreditkartendaten decken Kategorie 6 ab. Fuhrpark-Reports liefern Kategorie 1 (für Firmenwagen über Scope 1, für Dienstwagen-Privatnutzung über Scope 3). Einkaufs-Exports aus dem ERP decken Kategorie 1 über eine spend-basierte Schätzung.
Schritt 3 — Emissionsfaktoren anwenden: Für AT-spezifische Faktoren: UBA Österreich (umweltbundesamt.at) mit jährlichen Updates. Für internationale Lieferketten: DEFRA UK oder ecoinvent als wissenschaftlicher Goldstandard. Für Transport: GLEC Framework-Faktoren.
Schritt 4 — Automatisierung einrichten: Ab einer gewissen Datenmenge lohnt sich KI-Automatisierung, damit Scope 3 nicht jedes Jahr von vorne begonnen werden muss. OCR auf Lieferantenrechnungen und automatische Kategorie-Klassifikation ersetzen manuelle Fragebögen für Kategorie 1.
Fazit: Scope 3 ist lösbar — mit der richtigen Unterstützung
Scope 3 ist der schwierigste, aber wichtigste Teil der CO₂-Bilanz. Für CSRD-konforme Berichterstattung führt kein Weg daran vorbei — und für KMU, die in Lieferketten von OMV, Verbund oder Erste Bank eingebunden sind, ist die Frage nicht ob, sondern wann strukturierte Scope-3-Daten abgefragt werden.
Die Wesentlichkeitsanalyse nach ESRS E1 entscheidet, welche der 15 Kategorien berichtet werden müssen. Diese Analyse ist kein bürokratischer Akt, sondern strategisch: Sie zeigt, wo 80 Prozent des Klimarisikos stecken, und welche Reduktionshebel den größten Effekt haben. Für die meisten produzierenden KMU in Österreich sind das Kategorie 1 (Einkauf), Kategorie 11 (Nutzungsphase) und Kategorie 12 (Entsorgung). Mit diesen drei Kategorien ist der Löwenanteil des Scope-3-Fußabdrucks abgebildet.
Mit KI-Automatisierung und den richtigen Emissionsfaktoren (UBA Österreich, ecoinvent) ist Scope 3 auch für KMU ohne internes ESG-Team in 4 bis 6 Wochen handhabbar. Sustainista unterstützt KMU in Österreich bei der vollständigen Scope-1-bis-3-Erfassung — häufig zu 80% gefördert über aws oder Wiener Wirtschaftsförderung.
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